Das Paradies wird ermordet

Der plan, mit dem zeitfenster von zweiunddreißig stunden nach Raiatea zu segeln, war sehr gut. Wenn da nicht der wind gewesen wäre. Zuerst nichts, dann draußen fing er an, erstes reff, zweites, und die wellen wurden immer höher. Mit den ganz kleinen segeln ging es dann immernoch mit sechs knoten voran. Das war zu schnell, und auch mit etwas nachlassendem wind war ich bereits um drei uhr vor dem pass, sicht schlecht. Der mond war nur verdeckt vorhanden und vor dem pass waren die wellen riesig. Ich habe die kleine genua genommen und einen kurs hoch am wind eingeschlagen, dabei das ruder voll angestellt. Zeit um einige nickerchen zu machen.
Um halb sechs wurde es heller und der gegenkurs ging zum pass. Die ganze tour lang bin ich vom regen verschont worden, nur ein paar tropfen. Doch an diesem morgen wurde ich geduscht, die sicht war mies, tastend an den pass heran und dann durch. Funktionierte letztlich super und den ausgesuchten ankerplatz habe ich mit viel seitenwind erreicht. Ankern ist hier ein problem, meistens über fünfundzwanzig meter tiefe oder in den korallen.

20180924 ankerplatz raitea

 

20180924 ankerplatz raitea

 

20180924 ankerplatz raitea hotel

 

An dem ankerplatz blieb ich erstmal zwei tage. Die lage checken, die beschädigungen analysieren und den unpassenden wind einfach aussitzen. Eine verlegung zum nahe gelegenen hotel schied leider auch aus. Der preis für die mooring ist ein konsum im hotel, ein drink in der happy hour zählt auch dazu. Nur ist die hotelanlage tot und zerfällt.
Am zweiten tag nahm der wind schon etwas ab und die segelreparatur konnte beginnen. Diese überfahrt war zu schnell und ich habe unsauber gerefft, das material musste es abfangen. Wieder einmal ist ein rutscher gebrochen und das erste mal wurde eine lattenhalterung im segel von der latte durchbohrt. Für einmal habe ich ersatz, auch habe ich noch kleine rutscher auf lager. Das tageswerk war vollbracht, nachdem das segel einmal ganz raufgezogen und sauber wieder runter auf dem baum mit der abdeckung verzurrt wurde. Das segel wird erst wieder auf der strecke nach Samoa zum einsatz kommen.
Aber das beste an dem ankerplatz im schlamm war ein offenes wlan, das ich gefunden habe. Somit konnte ich dem system mal wieder ein update geben.

20180924 segellatte

 

Am nächsten morgen ging es dann drei meilen weiter zum hauptort der insel, Uturoa. Der ankerplatz vor der hafeneinfahrt war vorhanden, aber da war viel freier platz an der außenhafenmole, zwei andere segler lagen schon dort. Also wieder ins freie wasser fahren und fender sowie festmacher vorbereiten. Fünfhundert meter vom kai entfernt sah ich auf einmal einen riesigen kartoffelsack im wasser oder war es ein kleiner felsen, der nicht in der karte verzeichnet war? Nachdem der hals mit kopf gestreckt wurde, habe ich die erste riesenschildkröte in freier natur gesehen. Endlich mal was neues, keine langweiligen define, haie oder wale.
Zurück zum anleger, und dort halfen mir auch die beiden segler, da die poller eigentlich für kleine fährschiffe gedacht sind und weit auseinander liegen. Einen tag lang kann man hier frei liegen und ist direkt im zentrum des ortes. Da wollte ich auch hin.

Der grund dafür war ein foto in einem magazin aus dem hause blöd von der jahrtausendwende. Das hatte ich erhalten nach dem erwerb meines bootes. Auf diesem bild ist eine nachmittagliche szene zu sehen. Zwei ältere frauen sitzen auf einer bank an der kaimauer und unterhalten sich. Alle steinbänke bis zur straße sind besetzt, rechts von den bänken spenden alte bäume schatten. Es muss warm sein, hatte vor kurzem geregnet, in vielen kleinen pfützen steht das wasser am kai. In der bildmitte hat die hafenmauer einen rechten winkel. Im wasser schwimmen plastikflaschen und anderer unrat im öligem wasser. Entlang der andern hafenmauer verläuft einer straße, und an der ecke ist eine alte total tankstelle, ein peugeot 205 und eine ältere vespa werden betankt. Das wollte ich mir mal anschauen.

Doch es gibt diese kleine situation nicht mehr. Der ort wurde umgebaut, ein kai für kreuzfahrer in der länge von dreihundert metern wurde errichtet. Ich glaube, meine szene ist diesem zum opfer gefallen, die bäume ebenso. Schade, denn die einrichtungen für den massentourismus zerfallen auch langsam, zu wenig besucher. Diese große krise von zweitausendundacht, als die banker sich verzockt hatten und der rest für den schaden aufkommen musste oder sollte, hat in diesen regionen einen deutlichen impact hinterlassen. Das billige geld ist aus und somit auch die besucher.

20180925 hafen uturoa

 

20180925 hafen uturoa

 

20180925 hafen uturoa

 

Nach einem kleinen essen und einem weiteren einkauf bin ich auf die andere seite der insel gefahren. Zum thema einkauf fällt mir der besuch in einem asiatischen supermarkt gestern nachmittag ein. Keine liebe zum schimmeligen obst oder schlaffen gemüse. Dafür gab es dort verschiedene curries zu hohen preisen. Die offenen, vereisten kühltruhen waren ein punkt, aber der ausschlaggebende das müsliregal. Um die preise zu erkennen, bedarf ich seit einiger zeit einer lesebrille. Ohne die geht gar nichts mehr. Mit dieser konnte ich dann sehr gut die kleinen krabbler beobachten. Aus welchen packungen sie gekommen waren, blieb mir verborgen, ein sehr lebhafter laden.

Dann eine große runde mit dem schiff und beim zweiten versuch habe ich dann einen ankerplatz in dem mooringfeld gefunden. Das ist hier das ärgerliche für mich, alles tiefer als zwanzig meter. Meine weiteren ziele sind schon sehr gut auszumachen, auf Tahaa sehe ich schon die bäume. Die insel liegt im selben atoll. Weiter draußen ist auch schon Bora Bora zu sehen. Bleibt nur noch der sonnenuntergang, der kommt in fünf stunden.

20180925 kleinstinsel mit bar

 

Das hinüberfahren zur anderen insel Tahaa und in eine lange bucht hinein macht sieben meilen. Auch diese insel hat eine straße ringsrum, jedoch ist in dieser bucht die straße weit weg. Noch sichtbar und hörbar, aber mit viel grün dazwischen und auch mit viel privatbesitz, der mit schildern beschützt wird. Alles ganz nett und nicht umwerfend, so arbeite ich mich an der westseite der insel hoch.

20180927 bucht tahaa

 

20180927 bucht tahaa

 

20180927 bucht tahaa

 

20180927 bucht tahaa

 

Nächter tag, nächster halt in Tapuamu keine vier meilen weiter. Der ort hat einen kleinen hafen, zu klein für mich, und so ankere ich vor dem langen kai in der bucht. Eine tankstelle, ein magasin und kleine geschäfte für touristen, das war es. Etwas neues habe ich hier gesehen, ein familiengrab auf dem nachbargrundstück. Hier bleibt man halt länger zusammen, auch mit den verhassten schwiegereltern. Auf den gefliesten gräbern verweilen die hunde und dösen vor sich hin.

Heute ist schon wieder Freitag und mein kühlschrank muckt herum, er will nicht kühlen. Die  batterien sind voll und er streikt. So kann ich kein essen für die nächsten tage planen. In einer meile entfernung ist ein weiteres ferienressort auf einer motu. Davor parken einige segler, könnte ich ja auch mal machen. Doch ich habe das auf morgen verschoben, das tagesziel in vier meilen entfernung ist die verwaltungsansiedlung der insel im norden, Patio.
Nur meine seekarten sind dort ein wenig grob und das pdf gibt auch nicht so viel her. Kurz vor dem hafen habe ich eine mooring mit boje entdeckt und da liege ich nun.
Ein chinesischer laden, ein leerer, ein obststand, ein imbisswagen, die mairie, die gendamerie und ein paar mehr verwaltungen. Die straße ist neu geteert, der hafen leer und das fährschiff hat sich sogar angekettet. In dem parkähnlichen gebiet vom hafen entlang des wassers ist der konsum von alkohol verboten, kaum mülltonnen, alles ein wenig traurig. Für eine nacht reicht es.
Am Mo soll es wind geben und den brauche ich, um nach Bora Bora zu kommen. Zwanzig meilen von Tahaa entfernt und auch von hier aus gut sichtbar. Es wird wohl meine letzte insel in diesem bereich werden.

Auf dem rückweg habe ich dann vor der ferienanlage geankert. Einen platz gefunden, anker raus und genügend abstand zu einem Holländer, alles gut. Nur meinte dieser, an seinem anker fummeln zu müssen, rauf runter, mutti am ruder fuhr vorwärts und scheiße. Er war nun sehr nah an meinem schiffchen. Nach zwei stunden kam er vorbei und fragte, ob ich ein wenig mehr kette geben könnte. Den wunsch habe ich ihm erfüllt. Am nächsten morgen habe ich die kette wieder eingefahren, damit ich vor seinem bug herumtreiben konnte, der wind hatte gedreht. Nach dem kaffee bin ich dann auch gleich rüber auf die andere seite und habe mir eine freie mooring gegriffen.
Es war Sa und nicht so, dass die schiffe sehr dicht lagen, denn es kamen noch drei zweiundsechzig fuß ausflugskatamarane. Jeder hatte bis zu zwanzig badewillige an bord und der anker fiel zwischen den schon liegenden schiffen. Beim verlassen wurden noch schnell die plastikflaschen über bord geworfen und weiter. Kein platz zum wohlfühlen.

Ich habe gerade eine etwas negative serie gezogen. Von der mooring aus konnte ich am So die schiffe zählen, es waren zwei, die drüben vor anker waren. Keine zehn als ich dort war. Die mooring war nicht umsonst, am frühen morgen kam der abkassierer, dreizehn euronen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich wieder vor dem pier geankert, pech. Danach wollte ich noch schnell was einkaufen, doch frisches brot gibt es erst um zehn uhr.
Dann bin ich ohne brot richtung Bora Bora aufgebrochen und wollte nur bis zum pass motoren. Daraus wurde nichts, kein brauchbarer wind, wie eigentlich vorhergesagt.

20181001 borabora

 

20181001 pass tahaa

 

20181001 pass tahaa

 

Um zwei uhr mittags war ich dann in der berühmten inselwelt und wollte ankern. Alles sehr, sehr tief, vieles verbaut und an der erstbesten stelle scheuchte mich eine frau vom restaurant weg, netter empfang. Neben der hafenmole ging auch nicht, und so liege ich ein stück weiter auf vierundzwanzig meter. Die ganze kette draußen, und in der nacht kam dann doch der wind, um die dreißig knoten. Zum ufer komme ich so erstmal nicht, also abwarten.
Der ankerplatz ist an einer öffentlichen stelle, wo die menschen ihre boote in gestellen parken. Alles sehr flach und ich habe hier die nächste schildkröte gesehen. Kleiner als die erste, nur einen halben meter im durchmesser. Hier ist das arme Bora, die zuarbeiter für die ferienanlagen leben hier.

20181002 borabora ankerplatz

 

20181002 borabora ankerplatz

 

Dann habe ich mir mal wieder das gesicht verbrannt auf der überfahrt hierher. Ich dachte ich bin schon farbig genug, war wohl nicht der fall. Und wenn ich schon bei den gebrechen bin, der kopfsalat vom markt in Raiatea, den ich natürlich gewaschen gegessen habe, ist durchgeschlagen. Seit vier tagen ist das sehr lästig und seit heute schlucke ich tabletten dagegen.

Am nachmittag war dann ein windloch und ich habe mir Vaipae mal angeschaut. Der hauptort der insel, eine hauptstraße, zwei supermärkte, davon ein chinese. Fünf banken habe ich gezählt, es können aber auch mehr sein, und über zwanzig geschäfte für perlen. Das paar ohrringe ab vier dollar. Die werden auch bald merken, dass geld nicht essbar ist.

Heute ist der dritte oktober, und heute gibt es regen im vermeidlichen paradies, zumindest zeitweise auf Bora Bora. Das finden sicherlich die passagiere, die heute nacht die insel verlassen haben, nicht so schlimm. Dafür die vom fake segelschiff, das gestern kam, dem zweitausend passagiere schiffchen von heute morgen und dem dritten, das auch noch zum frühstück kam. Diese insel wird vom geld übergüllt, nicht zum besten für die bewohner.

Ich habe am morgen den anker an dem neuen standort geliftet und dachte, tief an der ankerkette sei eine schildkröte. Mal sichtbar und dann war sie wieder weg. Zu tage kam auf den letzten metern kette ein alter kaputter, bewachsener plastikkanister mit einer mooring daran. Das war dann ein job für die griffbereite machete, die leine war frei und der kanister ist alleine getaucht.
Der neue ankerplatz ist vor der westlichen insel, die von einer hotelkette vom Hilton belagert wird. Das wlan ist zu, leisten könnten sie es sich, es zu öffnen. Die hütte auf stelzen kostet mehr als einen riesen pro nacht. Das personal hat sein eigenes staffvillage, nicht so pompös. Was ist schlimmer hier, die hinterlassenschaften der amerikaner aus dem wkII oder diese anlagen? Die hotelanlagen zerstören mehr als alle vermuteten angriffe der japaner. Ein ort mit militärischen und vielen hellhäutigen hinterlassenschaften und einer ilusion vom bekanntesten paradies in der südsee.

Gestern habe ich dann mal in dem hauptort am kai angelegt, ging recht gut mit viel seitenwind. Zuerst zur gendamerie, abmelden für die weiterfahrt. Fünf zettel ausfüllen und ich muss wiederkommen, am tag der abreise. Habe aber schon mal die briefmarke für achtzig francs gekauft und zurück zum schiff, ins netz und daten abrufen. Keiner hat sich gemeldet. Der chinesische supermarkt ist ok, das personal freundlich.
Und wenn ich schon duty free diesel tanken kann, habe ich meinen tank auch wieder vollgefüllt. Das war alles andere als erfreulich. Das personal der total tankstelle ist nicht arbeitswillig und nicht serviceorientiert. Dem typen am anleger musste ich die leine zuwerfen, damit er seinen arsch bewegt, die zweite habe ich selbst belegt. Keine fender oder leinen am geschundenen steg. Dann wollten sie kopien der zollbescheinigung und haben angeblich keinen kopierer. Dann haben sie halt das original erhalten. Der typ am steg ward nicht mehr gesehen, und so habe ich die zapfpistole selbst gezogen und auf der hahn. Als es zum bezahlen ging, haben die an der kasse meine schiffspapiere und die originale einklarierung einfach zusammen geheftet, geht es noch? Dicker hals, das papier vom zoll dürfen sie behalten, nicht den rest. Kopien gibt es im supermarkt oder diesel zum normalpreis.
Also zum supermarkt und die waren so freundlich und kopierten die dokumente umsonst. Sie haben mir gesagt, dass die tankstelle das gleiche kopiergerät hat. Zurück an der tankstelle habe ich mein letztes bargeld auf den tresen gelegt und den rest per karte. Alles sehr unprofessionel, ich würde die leute feuern.

Das paradies hat in der nächsten bucht noch ein anderes gesicht. Ich bin nur einen kilometer luftlinie von Vaitape entfernt vor anker. Hier in der bucht von Faanui gibt es wohl eine meerwasserentsalzungsanlage, oder ein kleines kraftwerk. Auf der anderen seite zwei große bassins, jeweils ungefähr sechs fussballfelder groß. Es sieht aus wie ein hafenbecken aus dem boden geschnitten. Ich nehme mal wkII an. Am rande des einen beckens werden rohre zusammengeschweißt, wohl für einen neuen anleger auf dieser insel. Die häuser oder hütten am ufer sind auch nicht sehr schick, die nächste schattenseite dieser insel.

20181005 borabora ankerplatz faanui

 

20181005 borabora ankerplatz faanui

 

20181005 borabora ankerplatz faanui

 

Meinen letzten ankerplatz habe ich nach tiefe ausgesucht, genügend wasser unter dem kiel schadet nie. Die wasserfarbe ist türkis und den boden kann man auch sehen. Auf der einen seite ist die hauptinsel und auf der anderen seite das motu ome. Im norden liegt der flughafen und im süden habe ich drei ferienanlagen gezählt, deshalb bin ich auch nicht weitergefahren. So weit, so gut. Nur wenn ein flieger gelandet ist, kommen zig boote und bringen die touristen ins hotel und ich liege genau auf dem weg. Also werde ich noch einmal den anker liften und ein stück weiter zum motu fahren.

20181005 borabora letzter ankerplatz

 

20181005 borabora letzter ankerplatz

 

20181005 borabora letzter ankerplatz

 

20181005 borabora letzter ankerplatz

 

20181005 borabora letzter ankerplatz

 

Und weil es dann dreihundert meter weiter ruhiger war, nutzte ich noch einmal die gelegenheit zu schnorcheln. Der anker saß gut und der rumpf war an der wasserlinie nur leicht grün. Was gar nicht gut ist: mein propeller ist an einem blattende geknickt und das wohl schon eine weile. Es fiel mir nicht auf, die welle läuft rund. Aber trotzdem mist, ein job mehr in Neuseeland.

Am Sa morgen waren noch ein paar vorbereitungen zu machen, schließlich soll es wieder aufs meer gehen. Das anlegen im hafen von Vaipae lief noch besser als beim ersten mal. Die gendamerie muckte nicht, zog meinen vorgang heraus und gab mir zwei zettel für mich und den brief, der nach Papeete geht. Schön dass ich schon die briefmarke gekauft hatte, die post war schon geschlossen. Dann noch ein paar frische sachen eingekauft und an einem straßenstand meine letzten zweiundfünfzig francs auf den tisch gelegt. Dafür bekam ich eine große mango. Was nicht mehr lief, war neue wetterdaten zu ziehen, das guthaben war aufgebraucht. Muss halt für die nächsten zwölfhundert meilen auch ohne gehen.
Noch innerhalb Boras habe ich das großsegel hochgezogen und es ging richtung ausgang. Einige boote waren sehr aufgeregt, ich sollte meinen kurs etwas ändern. Eine walkuh mit jungtier war im atoll. Als ich das mal ablichten wollte, sind beide abgetaucht.

Der erste tag und die nacht auf dem meer waren recht angenehm und am morgen habe ich den ersten segler in meine richtung gesehen. Er hat mich wohl überholt, denn ich komme nicht hinterher.

 

Es wiederholt sich doch so vieles und immer das gleiche schreiben ist langweilig. So habe ich seit heute nacht um vier mal wieder keinen wind, leichte dünung und es schaukelt sehr. Irgendwann kommt der wind wieder, dann geht es weiter. So vergeht der morgen des dritten tages. Die sonne brennt gewaltig, und ich bin froh über den in Brasilien gekauften hut mit einer breiten krempe und dem herunterhängenden nackenschutz.
Ich treibe auf der höhe des atolls Maupihaa und im buch der ankerplätze steht, dass es die mühe und den stress, durch den pass zu kommen, nicht wert sei, es zu besuchen. Auch habe ich am ersten tag Maupiti rechts liegen gelassen. Wenn ich das kleinere schiff vom Anton hätte, wäre der besuch natürlich ein muss gewesen. Die Cookinseln und die weiteren Socityinseln werde ich auch nicht ansteuern, dafür fehlt mir die zeit. Nächster stop ist Samoa, west.

Nach vierzig stunden bin ich wieder im rennen, drei bis vier knoten fahrt und nur zwanzig grad abweichung zum direkten kurs. Flaute ist fast schlimmer als sturm, jedenfalls hier, denn es ist sehr heiß und für den schatten muss ich selbst sorgen. Noch über tausend meilen bis Apia.

Heute ist schon der zehnte und so richtig weit bin ich noch nicht gekommen. Der wind war da, aber zu wenig und die fast zwei tage flaute bringen einen auch nicht weiter. Die netto meilen werden mehr und jetzt sind es noch ein paar über neunhundert. Was macht man wenn man keine gastlandflagge hat? Entweder nichts oder man bastelt sich eine, das habe ich gemacht. Dafür brauchte ich eine rote flagge, ein wenig blau und sterne. Diese sollten eigentlich weiß sein, aber die europafahne mit der von Marokko kombiniert geht auch. Am ende hängt das gute stück in sieben meter höhe und da fällt so einiges nicht auf.

20181010 samoa flagge

 

Ein nachtrag zu der berühmtesten insel im pazifik, Bora Bora. Ich fand sie geht so und stieß damit auf unverständnis. Es war die letzte insel in Französisch Polynesien und da war eine erwartung, von den atem verlieren bis noch länger bleiben. Doch mir war da zuviel wasserverkehr, und alle sind ganz wichtig. Zu viele stelzenhotels, zu oft fuhren die imitierten auslegerkanus mit touristen umher, dazu wurde auf der ukulele gezupft und gesungen. Alternativ konnte man boote mit fahrer mieten, zweimal dreihundert ps und der knackige braune kapitän trägt nur einen schwarzen langen schal, vorn ums gehänge und hinten durch die kimme gezogen. Braucht man so etwas wirklich? Die polynesier dürfen für den luxus der anderen arbeiten und wohnen in sehr miesen verhältnissen, das war auf anderen inseln besser. Die insel der verkauften träume und der nicht mehr vorhandenen geschichte der menschen.

 

Mal zwischendurch ein wochenbericht von fünf tagen. Rechts der rote anker ist Bora Bora am ersten tag. Die obere blaue route ist nach Samoa, die untere ist direkt nach Neuseeland. Der wind hat mich zu anfangs richtung süden getrieben und ich bin dabei, das wieder auszugleichen. Am achten und neunten sieht man deutlich die flaute. Bis zum zehnten habe ich nur zweihundertsiebzig meilen gesegelt, leider sind diese weg vom kurs. Bis nach Samoa sind es noch neunhundert.

woche 1

 

Seit genau einer woche bin ich jetzt wieder unterwegs und gestern abend war es ein sehr guter. Bei diesem achterlichen wind segele ich nur mit einem sehr weit ausgestellten gerefften großsegel und einer kleinen genua, die in der mitte profillos steht. Damit kann die windsteuerrung gut arbeiten. Nur zum sonnenuntergang stieg die geschwindigkeit auf sieben bis acht knoten, zuviel des guten. Ich bin jetzt heilfroh, die entscheidung getroffen zu haben, das großsegel zu bergen. Der regen fing vor einer stunde an und als alles auf dem baum festgebunden war, triefte ich klitschnass vor mich hin. Der oberste rutscher hatte auch schon keinen kontakt zum segelkopf mehr, mistbruch. Der genua gab ich noch ein wenig profil und das reichte für gute vier knoten in die nacht hinein.

Das bringt mich auf ein kleines thema, wind von welcher seite. Von rechts ist er in meinem schiff gut, das bad mit wc und die küche sind nutzbar. Von links ist der badbereich mit vorsicht zu genießen und in der pantry kocht man bergauf und das ist sehr schlecht. Wind von vorn geht nicht und daraus wird links oder rechts. Nur jetzt habe ich seit tagen achterlichen wind und wellen. Das ergebnis ist eine ekelige schaukelei von rumpffenster zu rumpffenster. Die töpfe muss ich am herd festbinden, die kardanik stoppt bei den endanschlägen. Und das bad wird zur gefahrenzone. Und dabei liegt das boot eigentlich satt im wasser. Wenn diese größeren wellen zum runtersurfen kommen, ist es gut. Nur wenn die etwas kleineren kommen, beginnt die schaukelei. Zusätzlich ist bei wind von hinten, dass auch der regen von dort kommt. Also luken dicht, auch wenn es warm ist. Das einzige, was noch recht stabil ist, ist mein schlafplatz im gang, mit wolldecken zum abpuffern. Warum tue ich mir das an? Weil ich rum will und es schon fast halb geschafft habe.

Heute ist mal eine samstagsbilanz fällig und die sieht gemischt aus. Die letzten drei tage waren vom meilenergebnis gut, alle tage über hundertundzehn und in richtung Apia. Seit über einem tag geht es nur mit der genua voran, wegen dem ausfall des oberen rutschers ist das groß nicht einsetzbar. Und da sind wir bei den problemen, die schaukelei. Ich gehe nicht in den mast und repariere den rutscher, ist mir zu heikel. Aus dem gleichen grund mache ich kein wasser, ich habe in der dusche kaum einen halt und blaue flecken bekomme ich so schon genug. Dummerweise ist das abgefüllte trinkwasser jetzt aufgebraucht. Somit werde ich es aus dem haupttank nehmen müssen.
Das nächste wasserproblem ist das schwarze. Der fäkalientank will seine ladung nicht hergeben, schuld daran sind die wellen und die schöne geschwindigkeit. So komisch das klingt, ich hoffe auf eine flaute, obwohl es nur noch unter sechshundertundfünfzig meilen noch sind.
Seit gestern abend ist auch der mond wieder vorhanden, fünf tage lang war es nachts duster. Ich hatte schon befürchtet, dass er einem experiment zum opfer gefallen sei, denn auch am tage konnte ich ihn nicht erblicken. Mit einer ganz kleinen sichel leuchtet er jetzt wieder.
Meine wettervorsage ist aufgebraucht und ich bin auch geographisch außerhalb der karte. Wollen wir mal hoffen, dass es so bleibt.

 

Der zweite fünftagebericht ist sehr erfreulich. Ich habe doppelt so viele meilen gesegelt, wie in der ersten woche, über fünfhundert. Der wind war sehr freundlich und so bin ich sogar über die geplante route vierzig meilen hinausgeschossen. Das groß musste aufgrund des schadens unten bleiben und so ging es nur mit der genua und achterlichem moderaten wind voran. Bis nach Samoa sind es unter fünfhundert meilen.

woche 2

 

Heute ist der elfte tag auf see, es ist trocken, windig und sonnig, ein richtig guter segeltag. Gestern habe ich noch das groß in drei meter höhe repariert. Der wichtige rutscher hat seine verbindung noch und der oberste hat eine provisorische, muss halten. Ist aber auch nicht so wichtig, ich segele zur zeit nur mit der genua zwischen vier und fünf knoten. Ein zusätzliches segel bringt nicht so viel mehr an geschwindigkeit auf diesen kursen.
Aber diese tour ist irgendwie anders und gut. Nur weiß ich noch nicht warum. Die düsen vom herd habe ich gestern wieder gesäubert, nun sind die flammen wieder gleichmäßig blau und heiß. Dazu noch eine richtige dusche und die windanzeige ist auch häufiger mit dabei. Es ist alles kein drama.
Dieser teil des pazifiks gefällt mir in diesem zustand, es wird nicht immer so sein. Der wind ist moderat, wie die wellen und die kurzen regenschauer kommen meistens am abend oder in der nacht. Die windsteueranlage arbeitet gut und das macht auch freude. Alles schon mal erlebt, nur gefällt es mir jetzt besser.

 

Und noch ein nachtrag zu Bora. Alain Gerbault, ein französischer weltumsegelheld zwischen den kriegen ist in Vaitae beigesetzt worden. Das ehrengrab lag in den fünfziger jahren im hafen an der wasserkante. Heute liegt es am rand eines parkplatzes, der hafen hat sich verändert und ist hinaus gewachsen. Ich habe das grab im vorbeigehen gesehen und nicht besonders beachtet.
Gerbault schrieb viele bücher, nicht nur über das segeln. Das erste mal war er anfang der zwanziger jahre in Französisch Polynesien. Seine zweite große reise begann anfang der dreißiger jahre und führte ihn wieder nach Bora Bora. In dieser zeit begann auch seine kritik an der kolonisation frankreichs. Er schrieb das buch „un paradis se meurt“ – ein paradies stirbt (oder wird ermordet?).
Das war in Frankreich gar nicht gern gesehen. Als De Gaulle die franzosen anfang der vierziger zu den waffen rief, wurde es für den homosexuellen hauptmann der reserve politisch sehr eng. Er verließ Bora Bora in richtung Timor, wo er kurz darauf verstarb. Nach dem krieg wurde er exhumiert und in Viatae beigesetzt. Gestern habe ich diese doku auf französisch ohne untertitel gesehen. Die aufnahmen von Bora vor siebzig jahren zeigen noch ein idyll, welches heute nur noch eine worthülse ist. Demokratie ist auch nur noch ein sinnbefreites wort. Ich bin gerade in seinem fahrwasser richtung westen.

 

Heute ist der zwölfte tag auf dem weg nach Apia. Alles ist recht moderat, ab und zu ändert sich etwas und unterm strich ist es gut. Tagsüber ist es heiß und dann suche ich den schatten unter dem laken. Die nächte sind fast durchschlafbar und keinerlei warnungen vom radar. Das heißt nichts, vielleicht zu grobe filter eingestellt, dennoch habe ich bislang keinen frachter versenkt.

20181016 sonnenschutz

 

Gestern abend war es merkwürdig. Kurz vor sonnenuntergang habe ich gegessen und bin nach unten zum abwaschen. Zwei töpfe, ein löffel und eine schale, das dauert nicht lange. Wieder oben an deck waren plötzlich aus zwanzig knoten wind, dreißig plus geworden. Aus einem gewitter auf der leeseite wurden dann drei achterliche ringsum. Schnell gerefft und dann drehte auch noch der wind um neunzig grad. Am ende habe ich das segel auf die andere seite geschifftet und die windsteuerung neu justiert. Am heutigen morgen war ich dann leider wieder unterhalb der geplanten route. Das ändere ich gerade wieder, dreihundert meilen vorm ziel.
In siebzig meilen entfernung ist Rose Island. Eine kleine naturschutzinsel, günstig um aufs riff zu laufen. Achtzig meilen weiter liegt schon America Samoa mit einer großen thunfischfangflotte. Diese wird also dort im gebiet herumangeln. Somit werden die nächsten nächte nicht so erholsam werden. Ergo ist es besser, einen kleinen abstand einzuhalten.

Es ist der achtzehnte oktober und der wassertank ist wieder voll. Zusätzlich habe ich noch fünfundzwanzig liter direktes trinkwasser in plastikflaschen abgefüllt und den watermaker konserviert. Bis Neuseeland sollte er eigentlich nicht mehr laufen müssen. Seit Papeete habe ich ungefähr siebzig liter wasser verbraucht, fürs duschen, kochen, jeden morgen einen liter für kaffee und zum nachspülen nach dem abwasch mit salzwasser. Zähneputzen und das gesicht säubern war auch mit enthalten. Getrunken habe ich das wasser aus der direkten zapfung.
Auch ist der kühlschrank seit vorgestern offen und aus, denn es ist keine frischware mehr an bord. Der anteil der schwarzen beschichtung war noch nicht so schlimm, dennoch wurde er heute gereinigt. Für viele wäre er schon sehr dreckig, doch glaube ich, dass es der kühlschrank nicht unter die tausend am ekeligsten verdrecken geschafft hätte.
Der sonnenaufgang und -untergang sind jetzt schon über eine stunde verschoben und in Samoa verliere ich einen ganzen tag an der datumsgrenze. Und ein weiteres eigentor habe ich gestern produziert, auf der wochenkarte gut sichtbar. Was zuerst gut war, ein kurs wieder über die route hinaus, hat sich am abend und besonders in der nacht zu einer neunzig grad kurve herausgearbeitet. Der wind lies immer mehr nach und ich habe das groß dazugenommen. Dadurch kam ich wenigstens auf drei knoten. Nur der wind drehte und mit ihm das schiff. Jetzt gegen mittag sind es noch zweihundertdreißig meilen, ich bin fast dort.
Am nachmittag gab es die erste schiffssichtung seitdem ich die letzte insel verlassen und die beiden anderen segler aus den augen verloren habe. Diesmal war es ein containerschiff mittlerer größe in drei meilen entfernung, es hatte denselben kurs. Eine gute gelegenheit, das radar zu justieren.

Am morgen war dann land in sicht, die ersten inseln von America Samoa. Der wind war gut nutzbar und um drei uhr hatte ich auch die zweite insel passiert. Der gewünschte etwas kräftigere und leicht gedrehte wind wurden prompt geliefert. Jetzt drei stunden später ist er noch immer am blasen. Sechs bis über acht knoten fährt das schiff mit dem achterlichen bis raumschot wind. Ich habe nicht das gefühl eines reffvorgangs, allerdings muss der autopilot steuern. Nur noch sechsundneunzig meilen bis Apia. Wenn der wind anhält, bin ich morgen nachmittag im hafen.

 

Der dritte fünftagebericht ist auch sehr erfreulich. Ich habe fünfhundertundzwanzig meilen gesegelt. Der letzte tag und die nacht waren sehr schnell, bis zu acht komma acht knoten. Der wind war schon wieder sehr freundlich, an nur einem tag bin ich in einer großen kurve von der geplante route abgekommen. Das groß wurde aufgrund einer kurzen flaute eingesetzt und blieb bis Apia oben. Der südostpassat war sehr moderat. Die roten bojen sind inselchen, die umfahren werden mussten. Bis nach Samoa sind es unter vierzig meilen.

woche 3

 

Schon um zehn uhr fiel der anker nach der aufforderung der port control und ich bin in Apia angekommen. Seit dem ersten sichtkontakt mit america samoa vor hundertsiebzig meilen sind dreißig stunden vergangen, das ist sehr schnell. Für die elfhundertundsiebzig meilen geplante route habe ich effektiv dreizehnhundertfünfzig gebraucht. Das ganze in fünfzehn tagen, wie geplant. Ich bin nicht besser geworden, dann es ist der relativ konstante südostpassat.

Dass es gut war, wie es war, weiß man hinterher. Dass es schlecht ist, wie es ist, weiß man gleich. Dieser teil der welt, Französisch Polynesien von den Marquesas bis Bora Bora hat mir gefallen. Kann ich mir vielleicht noch einmal anschauen.

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