Patagonien im Selbstversuch Part 2

Wenn ich auf der warteposition bin, dann durchdenke ich so einiges. Im hinterkopf sind dann noch eine parameter offen. Die aufenthaltsgenehmigung läuft anfang mai aus, eine verlängerung ist machbar, aber ich will mich nicht in das land verliebt haben. Zum zweiten endet der sommer hier bald, die tage werden kürzer und kälter. Ich wollte das wetter und es ist nicht so schlecht mit der richtigen bekleidung, aber ich freue mich, bald wieder an deck zu schlafen. Somit ist das ziel der norden und zwar bald.

Die situation änderte sich eine stunde später im Puerto Angosto, an der felswand. Das wetter, der wind waren plötzlich schwach und draußen sah es auch friedlicher aus als sonst. Anker auf, leinen los und das nächste ziel war Puerto Tamar – ist sogar in meinem tidenprogramm enthalten. Das ganze ist natürlich kein hafen, nur eine ankerbucht mit richtigem sand.
Sieben stunden später mit dem motor und dem großsegel bin ich angekommen. Die fahrt war freundlich mit nördlichen winden, kaum regen, aber mit viel diesel ging es nur bis um vier knoten voran. Die großschifffahrt überholte mich deutlich schneller.
Nur hier in Tamar hat sich das wetter schon wieder geändert, westwind wie üblich. Also wieder auf eine änderung warten.

20180315 puerto tamar

 

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Am abend dann die änderung oder gedankliche neuorientierung. Tagsüber gab es reichlich wellen in die bucht hinein und als dann auch keine sonne mehr war, habe ich nochmals die richtungen geprüft. Es ist schon saublöd, wenn man auf etwas wartet und es nicht erkennt. Der wind kam tatsächlich den ganzen tag aus süd, genau der wind, den ich brauche. Somit hoffe ich, dass er morgen auch noch vorhanden sein wird, echt ziemlich dumm von mir.

Aber er war nicht da, nur der elendige westwind. Dafür nahm er zu und in der nacht wurde es ungemütlich. Dreißig knoten wind über die hügel und böen in der doppelten stärke. Das schiff schwoit am anker hin und her und das heftig. Ich versuche noch immer hinten in der achterkajüte zu schlafen und da rutscht man schon ein wenig hin und her. Erst am morgen wurde es weniger und ich fand den verpassten schlaf.
Am mittag habe ich mal den anker kontrolliert und er ist stabil am platz geblieben. Und dann kamen ein paar wellen in die bucht, hoffnung keimt auf. Es währe schön, wenn es heute am So mal weiter gehen würde.

Jetzt, Mo morgen kann ich sagen, es ging so weiter. Zwar war der wind nicht konstant aus süd oder südwest, aber er war brauchbar und mit motorunterstützung bin ich bis zum sonnenuntergang am cap und zum eingang der Magellanstrasse gekommen. Auf der anderen seite gibt es noch einen besetzten leuchturm und viele steine. In diese wollte ich nicht hinein und bin erstmal aufs meer hinaus. Alle instrumente an, ab und zu ein wenig schlaf und am morgen war ich dann draußen.

20180318 magelanstrasse

 

20180318 magelanstrasse

 

Dort waren die wellen wieder einmal um vier bis fünf meter hoch und leider aus verschiedenen richtungen. Der wind kam aus südwest und brachte mich nordwärts, allerdings mit dem autopiloten und der hatte kräftig zu arbeiten. Ich versuche weiterhin, dreißig meilen von der küste entfernt zu bleiben. Seebeine wachsen wieder.

Am Di morgen sah die welt hier unten schon wieder ganz anders aus, dieses mal windstille mit restwellen. Einhundertsechzig meilen habe ich schon geschafft, fehlen noch fünfhundert bis Chiloé. Und es fehlt noch der wind, der wird aber auch kommen. Laut barometer bin ich in einem hoch. Wenigstens war die nacht recht gut, keine schiffswarnungen.

Zur beruhigung und für die wasserproduktion habe ich mit segelunstützung ein ganz klein wenig nord gemacht. Gestern nachmittag fing dann der wind an und der kurs könnte richtung küste gehen oder aufs meer hinaus. Ich habe mich für den raum entschieden und das war gut so. Am abend waren es schon zwanzig und in der nacht dann über dreizig hpa druckabfall. Das war keine kaffeefahrt mehr, bei sechzig plus knoten wind und dementsprechenden wellen. Ein brecher hat nachts das schiff gedreht, guter zeitpunkt, um die genua zu shiften und nochmals zu reffen. Das groß war am abend bereits von mir herunter geholt worden.
Es war sehr laut, sehr nass und es kamen noch viele große wellen gegen und über’s schiff. Eine hat den inhalt meines herdes heraus geschleudert, die glasauflaufform hielt bis zum aufprall. Dabei hatte sie gerade eine grundreinigung hinter sich, umsonst. Es flog so einiges durch den raum. Am morgen war es dann schon besser, aber nicht gut. Mal sehen, was der tag noch bringen wird.

An einem tag fiel das barometer um zweiundvierzig hpa, das kommt in die liste der besonderheiten. Es ist schon schwer, sich im schiff zu bewegen, also besser liegen und abwarten. Dann endlich am abend gab es einen windwechsel auf west, also geht es wieder nordwärts. Bis jetzt hat mich dieser orkan über einen tag und dreißig meilen gekostet.

Das mit dem kurs nord ging bis zum morgen, der wind war moderat. Doch dann kam der alte wieder, und entweder ich segele einen kurs von maximal nordost und erreiche die felsen in vier stunden, oder einen südkurs mit westanteilen. Und segeln ist so eine sache, das taschentuch der restgenua kann das schiff nur in die richtung bringen. Sechzig bis siebzig knoten wind sind kein segelwetter. Dazu kommen noch die brecher übers schiff.
Heute morgen habe ich dann noch einen kleinen fehler in der bedienung des radars gefunden. Ich hatte einen alarmkreis eingerichtet, keine alarmzone. Somit konnte ich nur schiffe erkennen, die gerade in den kreis fahren. Beim halsen am morgen fiel mir das grosse containerschiff zwei meilen abwärts auf.
Am nachmittag habe ich dann noch ein anderes schiff gefunden. An diesen tag habe ich fünfmal das ölzeug angezogen, um eine kursänderung durchzuführen. Ich verstehe es bald nicht mehr, ich fahre teilweise achtzig bis neunzig grad zum wind. Das sag mir meine anzeige, wenn ich auf den gegenkurs gehe, geht es nicht, da kommen dann dreißig grad mehr drauf. Und so kam ich der küste immer näher bis zum abend, letzter versuch. Das groß als taschentuch mit dabei, den autopiloten an und der motor ist im standgas auch dabei. Jetzt geht es, bei vierzig knoten wind und der kleinen genua. Wenn es stabil bleibt, sehe ich morgen einen anderen küstenabschnitt oder besser gar keinen.

Der nächste morgen war gut, die nacht ok. Es hat bis jetzt funktioniert, der kurs wurde eingehalten und Mr Perkins war genügsam. Diese kleine rundreise durch den südpazifik im Golf von Trinidad hat mich drei tage gekostet und ich bin zweihundertdreißig unnütze seemeilen geschippert. Aber wenn es jetzt so weiter geht und der wind nicht noch zunimmt, dann stimmt es mit nordwärts.

20180322 23 reise

 

Der wind hat zugenommen, ist aber noch moderat. Es segelt sich mit sechs knoten richtung norden, jedoch muss der autopilot heftig arbeiten. Die wellen sind noch immer im sieben meter bereich und dazu kommt oft die sonne durch. Traue ich der situation? Nee. Das barometer ist von gestern auf heute um zwanzig gestiegen, das ergibt wind. Der erste segeltag seit sehr langer zeit.
Auch macht es wieder ein wenig spaß, habe ich doch schon gestern die neuen ziele abgesteckt, obwohl ich noch nicht einmal in Puerto Montt angekommen bin. Zur zeit ist die planung zur Robinson insel, dann zur Osterinsel, die liegt auf dem weg zu den Marquesas. Danach nach Tahiti, ist nur noch ein kurzer abstecher. Dazwischen liegen noch eine menge kleinerer inseln. Nur der einfache weg beträgt über fünftausend meilen, auf dem ozean und nicht im kanal.

Neun monate vor weihnachten um ein uhr nachts war der traum erstmal wieder passé. Der wind ist fort, die genua eingerollt und ich warte im schaukelndem schiff ab. Geschlafen habe ich schlecht bis morgens um neun, denn da blies schon wieder ein neuer wind. Das barometer fängt mit einem hoch wieder von vorn an. Diesmal ist der start bei tausendfünfunddreißig hpa.
Der kurs, den ich jetzt fahre, ist fast nach westen, nachher werde ich mal den gegenkurs checken. Wenn das wieder so anfängt wie vor ein paar tagen, wird der nächste absatz kurz werden.

Der nächste tag fing erfreulich an, so wie ein segeltag sein sollte. Den letzten tag habe ich damit verbracht, die höhe so wenig wie möglich zu verlieren. In den roaring fourties bin ich seit vorgestern abend und da wollte ich auch bleiben. Dieser vorsatz brachte mich von gestern bis heute nacht um eins sechzig meilen weiter westlich aufs meer hinaus. Am morgen war dann der richtige wind da, kurs nord, fast fünf knoten geschwindigkeit, sollte so mal vier tage anhalten. Nur noch vierhundertundacht meilen bis Chiloé.

20180325 suedpazifik

 

20180325 suedpazifik

 

Ja, wenn das immer so wäre, könnte man hier verweilen. Sonniges wetter, kühl und das hoch ist geblieben. Aber in den nächten zuvor war es so schlimm gewesen, dass ich schon mal ein paar taschen gepackt hatte. Notsignale, dokumente und rechner und eine für frische sachen, falls man aussteigen müsste. Es kam am tage hinzu, dass ich viel wasser im schiff habe oder es fühlt sich so an. Die ursache habe ich auch schon entdeckt, die kettenklüse und die tropfende ankerluke. Beides nicht sehr dicht, und wenn das wasser überkommt, geht etwas hinein. Da sehr viel über geht, ist umso mehr im schiff. Das problem muss in Puerto Montt behoben werden, eine neue luke muss her. Somit ist auch klar, woher das vermehrte wasser im motorraum stammt.

Seit einer woche bin ich nun schon auf dem meer unterwegs und habe netto dreihundertsechzig meilen geschafft. Das ist recht wenig, jedoch brutto sind es schon sechshundertunddreißig. Also theoretisch bin ich schon am ziel. Da der wind zum sonnenuntergang mehr auf nord gedreht hat, kann das erreichen des ziels noch dauern. Dazu weht es in den vierzigern und fünfzigern und der kurs geht nur nach nordost. Die nächste wende ist im Golf von Penas und dann wieder raus aufs meer, da hier doch die schiffsroute lang läuft.

Dann wurde es mal etwas neu. Nach dem reffen beider segel ging kurstechnisch nicht mehr viel. Zum anfang nach west, dann südwest und ich habe versucht ein wenig zu schlafen. Nach drei stunden fand dann kurs fast süd statt. Etwas leckeres essen, pumpernickel mit serano schinken, und dann nach oben. Jetzt hatte der wind innerhalb von drei stunden von nord auf südwest gedreht und ich konnte wieder richtung norden schippern. Jedoch machten die beiden wellensysteme das meer zur achterbahnfahrt. Noch nie ist das schiff so oft von einer welle ins tal gestürzt oder in die welle hinein. Alles brutal hart und laut.
Das ging so bis zum abend und dann kam langsam die ruhe zurück, leider. Es gab einen sonnenuntergang, der erste seit wochen für mich und dann kam die flaute. Die hielt sich bis in den nächsten tag hinein. Warum kann der wind nicht besser verteilt sein? Noch zweihundertachtzig meilen bis Chiloé.

20180326 sonnenuntergang

 

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Der brauchbare wind kam erst abends um sechs, bis dahin war mehr oder weniger flaute. Streckenweise ging der motor an, damit ein wenig segeln möglich war. Es war ein tag, um die batterien wieder zu laden, auch meine. Das ganze zerrt auch an den nerven. Und da gerade alles so moderat war, gab es auch mal wieder eine dusche für mich, das hilft auch. Noch dreieinhalb breitengrade und ein paar längengrade und das tolle segelrevier soll da sein.

In vier tagen ist schon April und da will ich online sein. Zur zeit ist alles bestens oder zumindest gut. Der kurs ist nordost, die geschwindigkeit klasse und das wetter trocken. Außerdem sind die temperaturen im zweistelligen bereich, auch in der nacht. Jetzt am mittag kommt die sonne vermehrt zum vorschein und die miese stimmung ist auch weg. Noch hundertneunzig meilen bis zum etappenziel.

Gestern war ein superwind, zwar sehr achterlich, dennoch waren teilweise sieben knoten drin. Und wie oft hörte er zum abend hin auf und war segelunbrauchbar. Somit habe ich zur nacht die genua ganz klein und das groß ins kleinste reff gezogen. Treibend durch die nacht war richtungsmässig ok und zum morgen hin kam der nordwind.
Es ist der neunundzwanzigste märz und gegen mittag habe ich das erste mal seit tagen wieder land gesichtet. Es ist nur eine vorgelagerte insel, aber auch eine wendemarkierung in zwei stunden. Mit diesen wind komme ich noch nicht in den Golf Corcovado. Es wären jetzt noch hundertfünfzig meilen bis Chiloé.

Nach mehrfachem halsen am abend und in der nacht konnte ich die höhe halten. Das ist nicht viel. Am morgen dann unbrauchbarer südwestwind, weil ich nach nordost will. Das wäre ja nicht so schlimm, aber der hauch von einem wind ist zu schwach, um die genua stabil zu halten.
Da auch wieder ein strombedarf herrscht, musste der motor wieder ran, und der wollte mal wieder nicht. Das gleiche spiel, wie so oft, der magnetschalter. Zweimal ausgebaut und das letzte mal ohne innereien. Das alles vor dem morgentlichen kaffee. Mr Perkins läuft wie immer, nur meine laune ist sehr, sehr gereizt. Wenn das in einer wichtigen situation passiert, bin ich am arsch. Immernoch hundertfünfzig meilen bis Chiloé.

Der weitere tag und die nacht verliefen eher schleppend, also treibend. Die richtung stimmte, meilen kamen nicht so recht zustande, aber in der summe war es durchaus positiv. Am morgen dann das super wetter, blauer himmel und schäfchenwolken am horizont. Dazu kamen diese langgezogenen wellen, höhe um fünf meter, die man nur aus der distanz sieht. Keine schaumkronen, alles blaugrün und der leichte wind aus achterlicher richtung. Mit höchstens vier knoten geht es in richtung Chiloé und das liegt noch hundert meilen entfernt. Mit dem ankommen, morgen am ersten april wird es wohl nichts werden, keine glückwünsche, nur gedanklich.

Und dann: was war das für ein toller segeltag. Sonne, blauer himmel, achterlicher brauchbarer wind, angenehme geschwindigkeit, die sich bis auf sieben knoten gesteigert hatte. Ein leuchtender roter vollmond und erst morgens um fünf lies der wind nach. Da war ich aber schon im Golf von Corcovado und der motor musste an. Das auslaufende wasser bremmste ungemein. Auch war das wetter die letzten tage sehr freundlich mit mir, vielleicht liegt es daran, das ich nördlicher bin, gern mehr davon.
Und so habe ich es doch noch geschafft, um halb zwei fiel der anker vor Quellion auf Chiloé.

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2 Antworten auf Patagonien im Selbstversuch Part 2

  1. Jörg sagt:

    Hallo Wolfgang,
    Danke für die Fotos und fürs (virtuelle) mitnehmen. Wollt ich mal gesagt haben. ;-)

    Gruß, Jörg!

  2. Martin sagt:

    Hallo Wolfgang,

    die Bilder von Patagonien sind zum Teil atemberaubend. Aber dass es als Segelrevier so kompliziert ist, hätte ich nicht gedacht. Dass ein Schiff bei sehr viel Wind und nur mit fast eingerollter Genua keine gute Höhe macht, ist nicht ungewöhnlich, aber solche Kringel von mehr als 200 Meilen sind ärgerlich.
    Wenn Du auf einem Bug 30 Grad höher am Wind segeln konntest als auf dem anderen, könnte mit einer Strömung zusammenhängen, zumindest wenn sich die Daten auf Fahrt über Grund beziehen.

    Guten Wind! Ich freue mich schon auf den Bericht von der Osterinsel.

    Martin

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